Bei der wissenschaftlichen Betrachtung von Echokammern kann man zwei Bereiche fokussieren: Echokammern und ihre Effekte (wie etwa die erwähnte Polarisierung verschiedener ideologischer Lager) einerseits und Mechanismen und Vorbedingungen (z.B., das Verhalten der Nutzenden), die potentiell zur Bildung von Echokammern führen, andererseits. In letzterem Fall beziehen wir uns im Folgenden auf den soziologischen Begriff der Homophilie, d.h., dass es in Gruppen oder Gesellschaften mehr Kontakte zwischen Menschen gibt, die sich ähnlich sind als die, die sich unähnlich sind (McPherson, Smith-Lovin & Cook, 2001). Aus psychologischer Sicht meint dieses Prinzip, dass Menschen eine grundsätzliche Tendenz haben, lieber mit Menschen in Beziehungen zu treten, die ihnen bei einer Vielzahl von Merkmalen (z.B., ethnische Herkunft oder politische Neigung) ähnlich als unähnlich sind. Die Tendenz von Menschen sich – außerhalb des Internets – politisch ähnlich denkenden Menschen zuzuwenden („politische Homophilie“) wurde in der Forschung bereits ausführlich dokumentiert (z.B. Alford, Hatemi, Hibbing, Martin, & Eaves, 2011; Morey, Eveland, & Hutchens, 2012). Wenn wir uns also außerhalb des Internets lieber von Menschen umgeben, die uns änhlich sind, warum sollte es auf sozialen Medien anders sein?

Ein Argument hier könnte sein, dass die Allgegenwärtigkeit und Netzwerkstruktur von sozialen Medien die Homophilie verstärkt und damit auch ihre potentiell negativen Folgen. Aber schauen wir uns an, wie Homophilie aktuell auf sozialen Medien aussieht:

Eine aktuelle Studie zur Online-Meinungsbildung befragte eine repräsentative Stichprobe von deutschen Social-Media-Nutzenden und -Nicht-Nutzenden zu ihrem Online-Verhalten (Stark, Magin & Jürgens, 2017). Zusammengefasst fanden die AutorInnen wenig Hinweise auf Echokammern in sozialen Medien, was sich daran zeigte, dass ein Großteil der ProbandInnen häufig gegensätzlichen Meinungen ausgesetzt war. Darüber hinaus weisen sie darauf hin, dass Menschen sich bei der Meinungsbildung auf mehrere Quellen stützen, etwa Fernsehen, Zeitung oder persönliche Gespräche. Soziale Medien sind nur eine (und meist nicht die wichtigste) Informationsquelle und in sozialen Medien werden Menschen häufig mit Informationen konfrontiert, die ihre Sichtweise in Frage stellen. Diese Befunde stützend, untersuchten Yang und Kollegen (2017) eine repräsentative Stichprobe kolumbianischer NutzerInnen. Den Autoren nach nutzen die Menschen in Kolumbien soziale Medien sehr intensiv, um sich über politische Themen zu informieren und zu diskutieren. Unserem Echokammer-Mythos widersprechend waren Menschen jedoch auch unter solchen, gewissermaßen polarisierten Voraussetzungen umso stärker mit ideologisch heterogenen Informationen konfrontiert, je intensiver sie soziale Medien nutzen. Auch liegen bereits erste Ergebnisse dazu vor, inwiefern Menschen ihr Online-Umfeld „korrigieren“, sollte es politische Meinungsverschiedenheiten geben: John und Dvir-Gvirsman (2015) haben während der Kämpfe im Gazastreifen 2014 mehr als 1000 israelische Facebook-NutzerInnen befragt. Sie fanden heraus, dass nur 16% der Nutzenden ihre Facebook-FreundInnen aufgrund gegensätzlicher Meinungen und ideologischer Neigungen entfernten und somit ihre Netzwerke politisch „homogenisierten“. Jedoch betraf dies insbesondere einen kleineren Teil, politisch eher extremer Personen und solche mit besonders vielen Facebook-FreundInnen.

Angesichts dieser Studien, können wir vorläufig nicht davon ausgehen, dass soziale Medien dafür verantwortlich sind, dass sich Menschen grundsätzlich in Echokammern befinden.

Bisherige Forschung lässt uns feststellen, dass Menschen schon immer eine gewisse Präferenz dafür hatten, sich mit ähnlich Denkenden zu verbinden und es wenig Grund zur Annahme gibt, dass Echokammern ein verbreitetes, geschweige denn inhärentes Phänomen sozialer Medien sind. In der Tat scheinen nur wenige Menschen digitale Verbindungen in ihren Online-Netzwerken aufzulösen, wenn politische Meinungsverschiedenheiten auftreten. Auch wenn die Zahl der Studien zur Homogenität im Internet wächst, bleiben aber nach wie vor viele Fragen dazu offen, wie Echokammern ursprünglich entstehen und sich über einen längeren Zeitraum entwickeln. Dies werden aller Voraussicht nach wichtige Themen zukünftiger Forschung sein.

 

 

Literatur

Alford, J. R., Hatemi, P. K., Hibbing, J. R., Martin, N. G., & Eaves, L. J. (2011). The politics of mate choice. Journal of Politics, 73, 362–379. doi:10.1017/S0022381611000016

John, N. A., & Dvir‐Gvirsman, S. (2015). “I Don’t Like You Any More”: Facebook unfriending by Israelis during the Israel–Gaza conflict of 2014. Journal of Communication, 65, 953-974. doi:10.1111/jcom.12188

McPherson, M., Smith-Lovin, L., & Cook, J. (2001). Birds of a feather: Homophily in social networks. Annual Review of Sociology, 27, 415-444. doi:10.1146/annurev.soc.27.1.415

Morey, A. C., Eveland, W. P., Jr., & Hutchens, M. J. (2012). The “who” matters: Types of interpersonal relationships and avoidance of political disagreement. Political. Communication, 29, 86–103. doi:10.1080/10584609.2011.641070.

Stark, B., Magin, M., & Jürgens, P. (2017). Ganz meine Meinung?: Informationsintermediäre und Meinungsbildung – Eine Mehrmethodenstudie am Beispiel von Facebook. LfM-Dokumentation (Band 55). Düsseldorf: Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM).

Yang, J., Barnidge, M., & Rojas, H. (2017). The politics of “Unfriending”: User filtration in response to political disagreement on social media. Computers in Human Behavior, 70, 22-29. doi: 10.1016/j.chb.2016.12.079

Mythos 1: Seitdem es soziale Medien gibt, sind Menschen in Echokammern gefangen
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