Soziale Medienplattformen wie Facebook, Twitter und YouTube leben davon, dass sich Menschen frei zu Themen wie der Politik, dem Sport oder dem Alltag äußern. Seitdem der Begriff Echokammer in der Öffentlichkeit diskutiert wird, sind viele Annahmen und potenziell negative Auswirkungen genannt worden. Im Sinne unserer Arbeitsgruppe stellten wir bereits fest, dass Echokammern als Räume gedacht sind, die nur Informationen und Meinungen enthalten, die mit der bisherigen Sichtweise des einzelnen Users übereinstimmt. Dies scheint jedoch kein Phänomen zu sein, das allein auf die Online-Kommunikation zutrifft, sondern eher eine grundlegende menschliche Tendenz ist, sich von ähnlichen Personen zu umgegeben (“Mythos 1: Seit es soziale Medien gibt, sind Menschen in Echokammern gefangen“). Die öffentliche Diskussion deutet darauf hin, dass in sozialen Medien jede/r einzelne NutzerIn ausschließlich gleichartigen Informationen ausgesetzt ist. Aber ist das wirklich der Fall? Was ist die Prävalenz von Echokammern in sozialen Medien? Oder anders ausgedrückt: Wie viel “Echo” liest ein/e Social Media-NutzerIn wirklich in seiner “Echokammer”?

Um diese Frage zu beantworten, ist es notwendig, sich aktuelle Forschungsansätze auf diesem Gebiet anzuschauen. Lassen Sie uns damit beginnen, einige Studien zu heranzuziehen, die sich auf Daten aus sozialen Netzwerken stützen. Bakshy, Messing und Adamic untersuchten im Jahr 2015 in dem sozialen Netzwerk Facebook, wie Freundschaften sich zwischen Menschen mit unterschiedlichen politischen Ansichten entwickeln, wenn sie in ihren Profilen ihre ideologischen Zugehörigkeiten melden (Bakshy, Messing & Adamic 2015). Das Ergebnis dieser Facebook-Studie demonstrierte, dass NutzerInnen wesentlich häufiger Nachrichten lesen und teilen, die mit ihren politischen Ideologien übereinstimmen, als übergreifende Inhalte, die nicht ihrer politischen Ideologie entsprechen. Dennoch waren etwa 20% der Facebook-FreundInnen aus dem politisch entgegengesetzten Lager, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Nutzende nicht nur politisch bestätigende Beiträge lesen. Andere Studien hingegen konzentrieren sich auf das soziale Netzwerk Twitter, um herauszufinden, wie sich Online-Nutzer mit unterschiedlicher politischer Ausrichtung zueinander verhalten. Eine dieser Studien verwendet einen Datensatz, der aus mehr als einer Milliarde Datenpunkten besteht und sich auf große Datenanalysen bezieht, um die wichtigsten Unterschiede im Muster der politischen Homophilie zwischen Demokraten und Republikanern aufzudecken (Colleoni, Rozza, & Arvidsson, 2014). Die Studie kombinierte einen Ansatz des maschinellen Lernens und eine soziale Netzwerkanalyse, um die politischen Tweets in einem US-Twitter-Corpus zu identifizieren und die politische Orientierung (DemokratIn oder RepublikanerIn) des Tweets zu unterscheiden. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die politische Homophilie zwischen DemokratInnen und RepublikanerInnen unterscheidet – diese war bei DemokratInnen stärker ausgeprägt. Eine weitere Studie bezieht sich auf eine Big-Data Analyse mit einem Datensatz von 3,8 Millionen Twitter-Nutzern und einem Datensatz von fast 150 Millionen Tweets mit politischen und nicht-politischen Themen (Barbera, Jost, Nagler et al, 2015). Die Forscher zeigten, dass Informationen zu politischen Themen aus ideologisch ähnlichen Quellen viel häufiger reproduziert und verbreitet werden als Informationen aus ideologisch unähnlichen Quellen. Darüber hinaus zeigen die Ergebnisse, dass DemokratInnen häufiger als RepublikanerInnen Informationen verbreiten, die nicht zwangsläufig aus ihrem ideologischen Lager stammten. Eine aktuelle Studie, die Social-Network-Daten von mehr als 250.000 US-Twitter-Nutzern verwendete, ergab, dass Menschen in der Tat in größerem Maße mit politisch gleichgesinnten NutzerInnen verbunden sind als mit politischen “Gegnern”, was tendenziell auf Echokammern hindeutet  (Boutyline and Willey, 2017). Besonders diejenigen mit relativ starken Überzeugungen hatten Netzwerke, die man als Echokammern bezeichnen könnte. Außerdem zeigten die Daten, dass die Homogenität des Netzwerks mit der ideologischen Zugehörigkeit variierte – die Twitter-Netzwerke der RepublikanerInnen waren politisch homogener als die Netzwerke der Demokraten.

Während die zuvor berichteten Studien auf sozialen Netzwerkdaten beruhen (meist von US-Social-Media-Nutzern), könnte man auch Nutzende selbst fragen, wie viel (politische) Zustimmung sie online im Vergleich zu offline wahrnehmen. Kürzlich stellte Vaccari in seinem Blog die Ergebnisse einer Online-Umfrage vor, die nach den Parlamentswahlen 2017 in Frankreich, Deutschland und Großbritannien mit 1.750 Befragten pro Land durchgeführt wurde (Vaccari, 2018). Vaccari befragte die TeilnehmerInnen zum einen: “Wie oft stimmen Sie mit den politischen Meinungen und Botschaften überein, die von den Menschen, denen Sie folgen, auf sozialen Medienplattformen veröffentlicht wurden? und zum anderen: “Wie oft stimmen Sie mit den politischen Meinungen und Botschaften nicht überein, die von den Menschen, denen Sie folgen, auf sozialen Medienplattformen veröffentlicht werden?”. Die Befunde deuten darauf hin, dass User häufiger mit Inhalten konfrontiert werden, die mit ihrer Meinung nicht übereinstimmen. Dabei zeigt sich, dass die Nicht-Übereinstimmung von Meinungen in der Online-Kommunikation häufiger vorkommt als in der Kommunikation außerhalb des Internets (d.h. von Angesicht zu Angesicht). Dieses Ergebnis steht im Einklang mit anderen Studien, wie z.B. der Studie des Pew Research Centers, die ergab, dass die meisten Facebook- und Twitter-NutzerInnen in Online-Netzwerken eine Mischung aus Menschen mit unterschiedlichen politischen Überzeugungen enthalten (Duggan & Smith, 2016).

Die oben genannten Studien führen zu der vorläufigen Schlussfolgerung, dass NutzerInnen häufiger mit denen in Verbindung stehen, die einen ähnlichen ideologischen Hintergrund haben. Dies bedeutet jedoch nicht automatisch, dass jede/r NutzerIn ausschließlich Informationen ausgesetzt ist, die seiner/ihrer Sichtweise entsprechen: Erstens deuten Netzwerkanalysen darauf hin, dass in gewissem Umfang auch Menschen miteinander verbunden sind und mit anderen interagieren, die ideologisch anders gestrickt sind. Zweitens, wenn es um politische Diskurse geht, scheinen die Menschen mehr Uneinigkeit zu empfinden als eine Einigung über soziale Medien (und noch mehr Uneinigkeit als in der persönlichen Kommunikation). Angesichts dieses Musters können wir – wenn wir von der gesamten Gruppe an Social Media-Usern ausgehen – nicht von flächendeckenden Echokammern sprechen. Für die zukünftige Forschung wird es von entscheidender Bedeutung sein, die persönlichen (z.B. bereits existierenden politisch extremen Einstellungen) und algorithmischen Umstände zu identifizieren, unter denen Nutzende geneigt sind, Teil echter Echokammern zu werden.

Literatur:

Bakshy, E., Messing, S., & Adamic, L. A. (2015). Exposure to ideologically diverse news and opinion on Facebook. Science, 348(6239), 1130-1132.

Barberá, P., Jost, J. T., Nagler, J., Tucker, J. A., & Bonneau, R. (2015). Tweeting from left to right: Is online political communication more than an echo chamber?. Psychological Science, 26(10), 1531-1542.

Boutyline, A., & Willer, R. (2017). The social structure of political echo chambers: Variation in ideological homophily in online networks. Political Psychology, 38(3), 551-569.

Colleoni, E., Rozza, A., & Arvidsson, A. (2014). Echo chamber or public sphere? Predicting political orientation and measuring political homophily in Twitter using big data. Journal of Communication, 64(2), 317-332.

Duggan, M., & Smith, A. (2016). The political environment on social media. Pew Research Center.

McPherson, M., Smith-Lovin, L., & Cook, J. M. (2001). Birds of a feather: Homophily in social networks. Annual Review of Sociology, 27(1), 415-444.

Vaccari, C. (2018, February 2). How prevalent are filter bubbles and echo chambers on social media? Not as much as conventional wisdom has it. [Blog post]. Retrieved from https://cristianvaccari.com/2018/02/13/how-prevalent-are-filter-bubbles-and-echo-chambers-on-social-media-not-as-much-as-president-obama-thinks/

Mythos 2: In den sozialen Medien ist jeder nur mit Informationen und Meinungen konfrontiert, die seine politische Haltung untermauern.
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