Warum sind Echokammern, d.h., Räume, in denen sich Social Media-Nutzende mit Gleichgesinnten umgeben, eine Bedrohung für demokratische Systeme? Eine häufige Antwort auf diese Frage lautet: Gruppen, in denen sich Menschen in ihren Meinungen gegenseitig bestärken, neigen eher dazu, extremere Einstellungen zu entwickeln und sich politisch zu polarisieren. Dies wird als demokratieschädigend gewertet, da politische Polarisierung mit einer sozialen Fragmentierung einhergehen soll (Sunstein, 2017). Soziale Fragmentierung würde bedeuten, dass sich ideologisch unterschiedliche Gruppen immer weiter voneinander entfernen, nicht mehr miteinander in Diskussionen treten und ihre „Wir gegen sie“-Mentalität verstärken.

Aber führt die Nutzung sozialer Medien grundsätzlich zu einer politischen Polarisierung?

Nun schauen wir uns erst einmal, was aktuelle Studien herausgefunden haben:

Mit einer Befragung von 1.032 nordamerikanischen Erwachsenen zu ihrer Nutzung sozialer Netzwerkseiten, stellten Lee, Choi, Kim, und Kim (2014) fest, dass je mehr Zeit Menschen auf sozialen Netzwerkplattformen verbringen, desto ideologisch diverser ist ihr Online-Umfeld (d.h., bestehend aus politisch unterschiedlich denkenden Gruppen; siehe auch Mythos 1). Diese Online-Diversität wiederum geht mit einer niedrigeren Polarisierung einher, sodass politische Meinungen und Ideologien weniger extrem ausfallen. Dies ist allerdings nur der Fall, wenn Menschen in ihrem heterogenen Netzwerk aktiv mitdiskutieren. Obwohl diese Studie darauf hindeutet, dass die Nutzung sozialer Medien – durch deren Heterogenität – mit einer verminderten individuellen Polarisierung in Verbindung steht, ist unklar, wie diese Beziehung zu Stande kommt: Nutzen weniger polarisierte Menschen soziale Medien auf eine besondere Art und Weise oder ist es die Nutzung sozialer Medien, die tatsächlich die Polarisierung vermindert? Um dies herauszufinden, haben Beam, Hutchens und Hmielowski (2018) eine Langezeitstudie mit 500 NordamerikanerInnen während der PräsidentInnen-Wahlkampagne im Jahr 2016 durchgeführt. Bei dieser Studie zeigte sich, dass stärker polarisierte Menschen Facebook seltener zum Konsum von Nachrichten nutzten. Eine verstärkte Nutzung von Facebook zum Nachrichtenkonsum führte über eine längere Zeit allerdings zu einer niedrigeren Polarisierung und zwar vor allem dann, wenn User Nachrichten begegneten, die ihrer persönlichen Meinung widersprachen. Darauf aufbauend kommen die ForscherInnen zu dem Schluss, dass die Nachrichtenrezeption über soziale Medien und damit einhergehende Echokammern nicht unbedingt für individuelle Polarisierungsprozesse verantwortlich sind.

Dennoch ist die Realität natürlich komplexer, wenn wir uns auf die Nutzergruppen konzentrieren, die bereits politisch extreme Meinungen vertreten und sich in Online-Echokammern befinden.

Verstärkt die Kommunikation in politisch extremen Echokammern die Polarisierung?

Bei der Analyse von öffentlichen Diskussionen auf Twitter in 23 Ländern, fand Bright (2016), dass vor allem die ideologisch extremen Nutzergruppen Mitglieder von homogenen Echokammern sind. Dieses Muster bestätigte sich bei einer multi-methodologischen Studie mit israelischen Internet-Nutzenden: Dvir-Gvirsman (2017) stellte fest, dass Menschen mit extremeren politischen Ideologien eher eine homogene Online-Umgebung aufsuchen. Ein solches homogenes Netzwerk wiederum verstärkte die extremen Ideologien der User über die Zeit.

Um zu vorläufigen Schlussfolgerungen zu kommen: Wenn wir die Gruppe der Social Media-Nutzenden als Ganzes betrachten, scheint Online-Kommunikation mit ihren eher schwächeren Echokammern nicht die politische Polarisierung von Menschen auszulösen oder zu verstärken. Bei bereits politisch extremen Nutzenden, die sich in stark homogenisierten Echokammern aufhalten, können diese Online-Umgebungen jedoch zur Polarisierung beitragen. Angesichts der aktuellen Entwicklungen im Internet stellt sich unweigerlich die Frage, inwiefern Manipulationen, wie die Verbreitung von Fehlinformationen („fake news“) oder die Präsenz von künstlichen Entitäten („social bots“) Polarisierungsprozesse in schwächeren und in stärkeren Echokammern beeinflussen können.

Literatur

Beam, M.A., Hutchens, M. J., & Hmielowski, J. D. (2018). Facebook news and (de)polarization: reinforcing spirals in the 2016 US election. Information, Communication & Society, 21, 940–958, doi:10.1080/1369118X.2018.1444783

Bright, J. (2017). Explaining the emergence of echo chambers on social media: The role of ideology and extremism Available at SSRN: dx.doi.org/10.2139/ssrn.2839728

Dvir-Gvirsman, S. (2017). Media audience homophily: Partisan websites, audience identity and polarization processes. New Media & Society, 19, 1072–1091. doi:10.1177/1461444815625945

Lee, J. K., Choi, J., Kim, C., & Kim, Y. (2014). Social media, network heterogeneity, and opinion polarization. Journal of Communication, 64, 702–722. doi:10.1111/jcom.12077

Sunstein, C. R. (2017). #Republic: Divided democracy in the age of social media. Princeton, NJ: Princeton University Press.

Mythos 3: Echokammern im Internet sind für den aktuellen politischen Extremismus verantwortlich
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