Filterblasen werden durch Algorithmen erstellt, die Suchmaschinen, Nachrichtendienste und soziale Netzwerke verwenden, um Informationen für jede/n Benutzer/in zu personalisieren und anzupassen. Wenn man die Informations- und Meinungsvielfalt als demokratisches Ideal betrachtet, können Filterblasen eine Bedrohung für die Demokratie darstellen. Dies führt uns zu den folgenden zwei Fragen: (i) Wie können Menschen erkennen, ob sie sich bereits in einer Filterblase befinden? (ii) Was kann man tun, um Filterblasen zu vermeiden?

Politisch relevante Debatten können manchmal unangenehm werden, insbesondere wenn beide Parteien von der Richtigkeit ihrer eigenen Ansicht überzeugt sind. Menschen neigen dazu, Informationen in Medienberichten als voreingenommen oder falsch zu klassifizieren, wenn diese ihre eigene Meinung nicht zu unterstützen scheinen (Giner-Sorolla & Chaiken, 1994; Shapiro & Bloch-Elkon, 2008). Die politische Aktivistin Shannon Fisher machte eine allgemeine und wichtige Aussage zu diesem Thema auf Quora, einer Online-Frage- und Antwortplattform, die jedem zugänglich ist. Sie wies darauf hin, dass “es für jeden wichtig ist, die durch soziale Medien und viele Nachrichtenquellen mit bekannter politischer Überzeugung gesammelten Informationen unabhängig zu überprüfen, bevor sie anderen als Tatsache präsentiert werden. Leider tun dies wenige Menschen” (frei übersetzt; Fisher, 2018). In seinem Buch Republic.com 2.0 beschreibt Suntein die Bedeutung ungeplanter und unvorhergesehener Begegnungen mit Materialen (Nachrichten, Artikeln), welche Menschen normalerweise nicht auswählen würden; das Aufeinandertreffen mit verschiedenen Themen, Ansichten und Positionen, denen man sonst nicht üblicherweise begegnet wäre, könnte demnach vor Fragmentierung und Extremismus in einem guten demokratischen System schützen (Sunstein, 2009, pp. 5–6).

Darstellung von Zusatzinformationen aus der deutschen Webbrowser-Erweiterung “Kontext”.

Die Darstellung von Sunstein ist ein ideales Szenario, aber manchmal sind oder fühlen sich Menschen bereits “in einer Filterblase gefangen”; sie erhalten ihre Nachrichten aus einer identischen Gruppe von Quellen, die ihre eigenen Ideologien widerspiegeln. Allerdings gibt es bereits einige Software-Tools, die die Verbreitung von Nachrichten im Detail untersuchen und weitere Referenzen auf die ursprüngliche Quelle liefern. Eines dieser Tools ist die deutsche Webbrowser-Erweiterung “Kontext“, die von Arne Semsrott, Moritz Klack und Andy Lindemann entwickelt wurde. Die Browser-Erweiterung bietet zusätzliche Informationen über die reaktionären Ansichten von Politikern und verweist auf die ursprünglichen Quellen. Dieses Tool kann für Personen nützlich sein, die sich mehr Kontextinformationen wünschen (z.B. über frühere Aussagen von Politikern). Die folgende Abbildung zeigt ein Beispiel für die Web-Erweiterung.

Die Forscher Bozdag et al. evaluierten und diskutierten die Standards einiger Online-Tools im Vergleich zu ihrem Demokratiemodell in ihrer Studie: “Breaking the Filter Bubble: Democracy and Design Different”. Die Forscher zeigten, dass “nicht alle relevanten Demokratiemodelle in der Übersicht der verfügbaren Tools zur Förderung der Vielfalt vertreten sind” (frei übersetzt; Bozdag et al., 2015). Des Weiteren stellten die Forscher heraus, das die meisten Tools, um Filterblasen zu vermeiden, im Einklang mit den Standards liberaler oder deliberativer Demokratiemodelle entwickelt wurden.

Letztendlich ist jede/r Anwender/in selbst für sich verantwortlich, aktiv gegen Filterblasen vorzugehen, wenn man sich nicht in ihnen “verfangen” möchte. Wenn es um Filterblasen geht, könnten folgende Gedanken hilfreich sein:
  1. Es ist sicherlich sinnvoll, die eigene Sichtweise zu politischen Themen zu hinterfragen und mit Fakten zu vergleichen.
  2. Es könnte sich lohnen, aktiv nach politischen Informationen außerhalb des eigenen informatorischen Netzwerks zu suchen.
  3. Entwickeln Sie ein besseres Verständnis für soziale Online-Plattformen wie Google, Facebook und YouTube, die indirekt Filterblasen fördern können.
Um diesen Artikel mit den Worten von Pariser abzuschließen: “Wenn wir wissen wollen, wie die Welt wirklich aussieht, müssen wir verstehen, wie Filter unseren Blick darauf formen und verzerren” (frei übersetzt; Pariser, 2001, p. 83). Dieses Zitat scheint in der heutigen Zeit eine entscheidende Herausforderung für Forscher/innen im Bereich Technologie und Medienpädagog/inn/en zu sein. Wenn Sie sich für die Idee der “Filterblasen” interessieren, werfen Sie einen Blick auf Parisers TED-Vortrag.

 

Literatur:

Bozdag, E., & van den Hoven, J. (2015). Breaking the filter bubble: Democracy and design. Ethics and Information Technology17(4), 249–265.

Fisher S. (2018). In what ways, if any, have you noticed a “feedback loop” in the media you consume (social network, video, and podcast, and how do you expose yourself to opposing viewpoints)? [Online comment]. Retrieved from https://www.quora.com/In-what-ways-if-any-have-you-noticed-a-feedback-loop-in-the-media-you-consume-social-network-video-and-podcast-and-how-do-you-expose-yourself-to-opposing-viewpoints

Giner-Sorolla, R., & Chaiken, S. (1994). The causes of hostile media judgments. Journal of Experimental Social Psychology30(2), 165-180.

Pariser, E. (2011). The filter bubble: What the Internet is hiding from you. Penguin UK.

Semsrott, A., Moritz, K., and Lindemann, A. (2018). Kontext [Web browser extension]. Retrieved from https://kontext.fyi

Shapiro, R. Y., & Bloch‐Elkon, Y. (2008). Do the facts speak for themselves? Partisan disagreement as a challenge to democratic competence. Critical Review20(1-2), 115-139.

Sustein, C. (2009). Republic.com 2.0. Nova Jersey: Princeton University Press.

Mythos 4: Durch Algorithmen werden Anwender hilflos den Filterblasen ausgesetzt.
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