Im August 2016, mitten im US-Präsidentschaftswahlkampf kam das Gerücht auf, die Kandidatin Hillary Clinton sei gesundheitlich derart angeschlagen, dass sie nicht für die Präsidentschaft geeignet sei. Über das Netz verbreitete sich die Nachricht sehr schnell und wurde schon bald von konservativen Medien aufgegriffen und schließlich vom Gegenkandidaten im Rahmen seiner Wahlkampagne instrumentalisiert. Wie sich herausstellte, wurden die Gerüchte um Clintons Gesundheitszustand durch Verschwörungstheoretiker in die Welt gesetzt und obwohl der Öffentlichkeit inzwischen ein ärztliches Attest zur Verfügung gestellt wurde, welches Clintons Gesundheit bescheinigte, tauchten in den sozialen Medien immer mehr gegensätzliche “Beweise” auf, die das Thema über einen längeren Zeitraum medial präsent hielten. Dieser Fall wird als prototypisches Beispiel dafür angesehen, wie Fake News (d.h. Nachrichten, die der bewussten Verbreitung von Fehlinformation dienen) gezielt zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung und des politischen Geschehens verbreitet und durch soziale Medien in ihrer Wirkung verstärkt werden (Marwick & Lewis, 2017).

 

 

Spätestens seit der letzten US-Präsidentschaftswahl wird die Rolle sozialer Medien bei der Verbreitung und Wirkung von Fake News betont. Fehlinformation hat demnach eine besonders starke Wirkung, wenn sie innerhalb segregierter, ideologisch homogener Netzwerke (Echokammern) verbreitet wird (siehe auch: Fake news: How our brains lead us into echo chambers that promote racism and sexism). Durch die ständige Konfrontation mit einer Fehlinformation und das Erleben ihres breiten Anklangs innerhalb des eigenen sozialen Netzwerks, könnten Fake News schnell zur subjektiven Realität werden, die dann allen Widerlegungsversuchen widerstrebt. Doch lässt sich dies auch empirisch untermauern? Zu welchen Ergebnissen kommen Studien, die die Wirkung von Fake News untersuchen? Für einen Großteil der Social Media-NutzerInnen scheinen Echokammern nicht sehr verbreitet zu sein (Mythos 2). Tendenziell sind es eher die politisch Extremeren, die sich innerhalb ihrer sozialen Netzwerke in Echokammern bewegen. Insbesondere für diese begünstigen Echokammern Polarisierungsprozesse (Mythos 3), die durch Fehlinformation gefördert werden könnten. Aber was sagen wissenschaftliche Befunde? Welche Menschen sind besonders empfänglich dafür, Fehlinformationen als wahr anzuerkennen? Eine aktuelle Studie zur Wirkung von Verschwörungstheorien (Garrett & Weeks, 2017) fand, dass subjektive Überzeugungen darüber, wie man Wahrheit erkennen kann, beeinflussen, ob jemand an Verschwörungstheorien glaubt. Die Befunde implizieren, dass insbesondere diejenigen für Fake News anfällig sind, die glauben, dass Wahrheit etwas politisch Konstruiertes ist und der Überzeugung sind, ein intuitives Gespür für die Wahrheit zu haben. Dagegen waren Menschen, für die Wahrheit anhand harter, objektiver Fakten bemessen werden kann und muss, weniger dazu geneigt, an Verschwörungstheorien zu glauben.

Selbstverständlich lassen diese Befunde keine Rückschlüsse auf den Einfluss von Echokammern hinsichtlich der Akzeptanz von Fehlinformation zu. Sie zeigen jedoch, für welche Nutzer die Konfrontation mit Fake News negative Auswirkungen haben kann. Aber zurück zum eingangs geschilderten Beispiel: Könnte es sein, dass über soziale Medien verbreitete Fake News die US-Wahl 2016 entscheidend beeinflussten? Und: Wie haben Echokammern möglicherweise dazu beigetragen? Unter anderem diese Fragen stellte sich eine Studie, die Menschen zu ihrem Nachrichtenkonsum während des US-Wahlkampfs befragte (Allcott & Gentzkow, 2017). Es zeigte sich, dass die Befragten im untersuchten Zeitraum insgesamt eher selten nachweislicher Fehlinformation ausgesetzt waren (und noch seltener daran glaubten). Insbesondere kam heraus, dass die ideologische Homogenität der sozialen Netzwerke eines/r Befragten keinen Einfluss darauf hatte, ob jemand einem Fake News- beinhaltenden Nachrichtenartikel glaubte. Betrachtet man allerdings nur Befragte, die sich klar einem politischen Lager zuordneten (Republikaner oder Demokraten), wirkte sich die Homogenität der eigenen sozialen Netzwerke sehr wohl auf die zugeschriebene Glaubwürdigkeit von Fake News aus. Je homogener die sozialen Netzwerke eines/r Befragten war, der/die sich entweder der demokratischen oder der republikanischen Partei zuordnete, desto eher glaubte diese/r eine Fehlinformation und zwar vor allem dann, wenn sich deren Inhalt gegen die andere bzw. zu Gunsten der eigenen Partei richtete. Es bleibt dennoch ungewiss, ob homogene soziale Netzwerke unter allen Umständen zur Akzeptanz von die eigene Sichtweise bestärkender Fehlinformation führt oder, ob eine solche Akzeptanz vielmehr durch ein Zusammenspiel von Kontextvariablen (z.B. starke Echokammern) und der individuellen Anfälligkeit für, zum Beispiel, Verschwörungstheorien bestimmt wird.

Soziale Medien ermöglichen es jedem, Behauptungen zu verbreiten, ohne dass diese einer systematischen Wahrheitsprüfung unterzogen würden. Echokammern tragen möglicherweise – unter bestimmten Umständen – dazu bei, dass Fehlinformation für einen Teil von NutzerInnen zur subjektiven Realität wird. Nicht zuletzt angesichts der potentiell sehr weitreichenden gesellschaftlichen und politischen Konsequenzen, sollte sich die Forschung auch in Zukunft verstärkt mit dem Zusammenspiel von Online-Netzwerken, der Verbreitung von Fehlinformationen darin und individuellen Neigungen der User beschäftigen.

 

 

Literatur

Allcott, H., & Gentzkow, M. (2017). Social Media and Fake News in the 2016 Election. Journal of Economic Perspectives, 31(2), 211–236. https://doi.org/10.1257/jep.31.2.211

Garrett, R. K., & Weeks, B. E. (2017). Epistemic beliefs’ role in promoting misperceptions and conspiracist ideation. PLOS ONE, 12(9), e0184733. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0184733

Marwick, A., & Lewis, B. (2017). Media Manipulation and Disinformation Online. New York: Data & Society Research Institute. Retrieved from https://datasociety.net/output/media-manipulation-and-disinfo-online/

Mythos 5: Durch Echokammern haben “Fake News” eine stärkere Wirkungskraft
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