In sozialen Systemen wird das Konzept der Diversität im Sinne der Vielfalt an Ideen, Argumenten oder Lebensformen immer wieder als wichtiges Ideal einer funktionierenden (demokratischen) Gesellschaft (Habermas, 1962; Mill, 1848) angesehen. Aber warum? Wenn Menschen sich mit politisch und gesellschaftlich relevanten Informationen oder Argumenten auseinandersetzen, die von ihrer persönlichen Sichtweise abweichen oder dieser sogar widersprechen, dann können sie ihren Horizont erweitern (Sunstein, 2017), ihr politisches Wissen vertiefen (Scheufele, Nisbet, Brossard, & Nisbet, 2004), politische Toleranz entwickeln (Mutz, 2002) oder ein besseres Verständnis für die Argumente der Gegenseite aufbringen (Price, Cappella, & Nir, 2002). Ferner kann eine Person Vorurteile abbauen, wenn sie mit Menschen, über die sie Vorurteile hat, in Kontakt tritt und diese kennen lernt (Allport, 1954; Binder et al., 2009).

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Tatsächlich zeigt die Forschung, dass die meisten Menschen Diversität (z.B. bei der Suche nach Informationen) zwar als wichtiges Ideal einstufen, dennoch scheitern sie daran, dies im Alltag umzusetzen (Kim & Pasek, 2016). So gelingt es den meisten nicht, Gewohnheiten bei der Informationssuche, z.B. beim Konsum von Nachrichten, zu durchbrechen. Aktuell wird häufig diskutiert, dass soziale Medien als zweierlei fungieren können: Als ideologisch homogene Räume, aber auch als Landschaft der unzähligen Möglichkeiten, andere, alternative Sichtweisen von Mitbürger*innen zu lesen oder zu hören (Sunstein, 2017). Nichtsdestotrotz können menschliche Auswahlentscheidungen bei der Informationssuche und Algorithmen als Filter dienen, die das Risiko tragen, Menschen von andersartigen Meinungen und Argumentationen abzuschotten.

In vielen Fällen können Algorithmen Nutzer*innen dabei helfen, ihren Informationskonsum zu personalisieren und entlang der eigenen Vorlieben „zuzuschneiden“, was die Sicht auf das Zeitgeschehen etwas einschränken könnte (Haim, Graefe, & Brosius, 2018; Pariser, 2011). Aber mal anders herum gedacht: Was passiert, wenn Menschen sich ihnen widersprechenden Sichtweisen aussetzen? Eine aktuelle – präregistrierte – Studie des Soziologen Christopher Bail und Kolleg*innen hat genau diese Frage im Vorfeld der Präsidentschaftswahl der Vereinigten Staaten von Amerika untersucht. In einem Feldexperiment fragten die Forscher*innen zunächst Twitter-Nutzer*innen nach ihren Meinungen zu damalig aktuellen politischen Themen und identifizierten damit, ob die Twitter-Nutzer*innen eher dem republikanischen oder dem demokratischen Lager des nordamerikanischen politischen Systems angehören. Anschließend baten Bail und Kolleg*innen Studienteilnehmende einem Twitter-Bot (einen neu erstellten künstlichen Twitter-Account) zu folgen, der Beiträge von politischen Figuren und Medienorganisationen (die entweder als liberal oder konservativ eingeordnet wurden) re-twitterte. Um Studienteilnehmende der „anderen Seite“ auszusetzen, wurden Republikaner*innen mit einem Twitter-Bot verknüpft, der liberale Beiträge verbreitete, während Demokrat*innen einem Twitter-Bot folgten, der konservative Nachrichten aufgriff. Nach einem Monat wurden Studienteilnehmende erneut zu ihren Standpunkten bei politischen Themen befragt. Die Befunde waren hierbei ernüchternd: Republikaner*innen hatten deutlich konservativere Ansichten und Demokrat*innen wiesen etwas liberalere Standpunkte auf als vor dem Folgen des andersdenkenden Twitter-Bots. Mit anderen Worten: Die Auseinandersetzung mit der „anderen Seite“ führte entgegen der Erwartungen zu extremeren politischen Einstellungen.

Sollten wir es demnach vermeiden, andersartige Meinungen zu lesen oder zu hören? Nein, das wäre zu einfach gedacht. Bail und Kolleg*innen argumentieren selbst, dass in dieser Studie Teilnehmende wahrscheinlich etwas extremere Ansichten annahmen, weil sie einer profilierten Informationselite (politische Kandidat*innen und Medienorganisationen) ausgesetzt wurden, die – zumindest in dem nationalen Kontext der Studie – an sich schon ideologisch polarisierter kommuniziert. Das bedeutet, Menschen wurden hier mit deutlich gegensätzlichen Meinungen konfrontiert, die vermutlich als aufdringlich wahrgenommen wurden, was den inneren Widerstand gegenüber der Andersartigkeit erhöhte. Also kommt es darauf an, wer die andersartigen Ansichten äußert? Oder macht es einen Unterschied, ob man sich der Andersartigkeit freiwillig oder von außen aufgezwungen aussetzt? Inwiefern spielt es eine Rolle, wie die alternativen Standpunkte formuliert sind? Angesichts der aktuellen Befunde scheint es lohnenswert zu sein, differenzierter zu bestimmen, (1) was eine Beschäftigung mit „der anderen Seite“ heißt und (2) welche Faktoren wünschenswerte Folgen (z.B. politische Toleranz zu entwickeln) begünstigen oder verhindern.

Aus praktischer Sicht scheint es für Bürger*innen empfehlenswert, aktiv andersartige, alternative oder einem widersprechende Standpunkte in persönlichen Gesprächen oder auf sozialen Medien aufzusuchen und über diese nachzudenken. Dabei ist es sicherlich hilfreich, nicht in Gruppen (z.B. „wir“ gegen „sie“) zu denken, sondern sich auf Themen und damit verbundene Argumente zu konzentrieren. Mit einer solchen Strategie kann die Beschäftigung „mit der anderen Seite“ sehr bereichernde und lehrreiche Erfahrungen mit sich bringen.

Vor diesem Hintergrund können wir das von deutschen Medienhäusern organisierte Projekt „Deutschland spricht“ empfehlen. Hierbei werden jeweils immer zwei Bürger*innen zusammengebracht, die gegensätzliche Meinungen zu einem politisch oder gesellschaftlich relevanten Sachverhalt haben. Wie die Paare die Vier-Augen-Gespräche gestalten und das Thema angehen, bleibt den Teilnehmenden selbst überlassen. Am 23. September 2018 findet die nächste Runde von „Deutschland spricht“ statt. Wir sind auf die Berichte der Teilnehmer*innen gespannt und möchten gerne an der Stelle beide Seiten der Geschichte hören oder lesen!

Literatur:

Allport, G. W. (1954). The nature of prejudice (Unabridged, 25th anniversary ed). Reading, Mass: Addison-Wesley Pub. Co.

Binder, J., Zagefka, H., Brown, R., Funke, F., Kessler, T., Mummendey, A., … Leyens, J.-P. (2009). Does contact reduce prejudice or does prejudice reduce contact? A longitudinal test of the contact hypothesis among majority and minority groups in three european countries. Journal of Personality and Social Psychology, 96(4), 843–856. https://doi.org/10.1037/a0013470

Habermas, J. (1962). Strukturwandel der Öffentlichkeit: Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft [The structural transformation of the public sphere. An inquiry into a category of bourgeois society]. Neuwied, Germany: Luchterhand.

Haim, M., Graefe, A., & Brosius, H.-B. (2018). Burst of the Filter Bubble?: Effects of personalization on the diversity of Google News. Digital Journalism, 6(3), 330–343. https://doi.org/10.1080/21670811.2017.1338145

Kim, D. H., & Pasek, J. (2016). Explaining the Diversity Deficit: Value-Trait Consistency in News Exposure and Democratic Citizenship. Communication Research, 009365021664464. https://doi.org/10.1177/0093650216644647

Mill, J. S. (1848). Principles of political economy. Amherst, NY: Prometheus Books.

Mutz, D. C. (2002). Cross-cutting social networks: Testing democratic theory in practice. American Political Science Review, 96(01), 111–126. https://doi.org/10.1017/S0003055402004264

Pariser, E. (2011). The filter bubble: what the Internet is hiding from you. New York: Penguin Press.

Price, V., Cappella, J. N., & Nir, L. (2002). Does disagreement contribute to more deliberative opinion? Political Communication, 19(1), 95–112. https://doi.org/10.1080/105846002317246506

Scheufele, D. A., Nisbet, M. C., Brossard, D., & Nisbet, E. C. (2004). Social structure and citizenship: Examining the impacts of social setting, network heterogeneity, and informational variables on political participation. Political Communication, 21(3), 315–338. https://doi.org/10.1080/10584600490481389

Sunstein, C. R. (2017). #Republic: divided democracy in the age of social media. Princeton ; Oxford: Princeton University Press.

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