Der letzte Beitrag behandelte die Frage, ob es überhaupt so gut ist, sich mit Andersdenkenden auseinanderzusetzen. Empirische Befunde geben dazu bislang keine eindeutigen Antworten – es scheint von vielen Faktoren (z.B. der Umgebung; (Borah, Edgerly, Vraga & Shah, 2013) oder der politischen Ausrichtung (Linder & Nosek, 2009)) abzuhängen, ob eine solche Auseinandersetzung positive Auswirkungen (z.B. die Entwicklung politischer Toleranz) hat.

Vor kurzem startete die zweite Runde des Projektes „Deutschland spricht“ den Versuch, Menschen an einen Tisch zu setzen, die sich widersprechende Sichtweisen vertreten. Hierfür mussten sich Freiwillige für ein verbales Aufeinandertreffen im Vorfeld anmelden und Fragen zu politischen Ansichten beantworten. Per Algorithmus wurden den Teilnehmenden Gesprächspartner*innen vorgeschlagen, dessen Antworten möglichst gegenteilig waren und in der Nähe wohnte. Insgesamt ergaben sich daraus 10.014 Gesprächspaare.

Am 23.09.2018 trafen die Gesprächspartner*innen letztendlich aufeinander. Ausgewählte Paarungen wurden von Reporter*innen begleitet. Wie das Gespräch gestaltet wurde, blieb den Teilnehmenden selbst überlassen. Spannend ist nun, welche Anekdoten Teilnehmende berichten, z.B. was sie motiviert hat, Teil des Projekts zu sein oder wie sie die Andersartigkeit erlebt haben. Spiegel Online hat dazu erste Stimmen gesammelt, die wir uns im Folgenden – strukturiert nach Fragen – anschauen:

  • Was waren individuelle Beweggründe bei „Deutschland spricht“ teilzunehmen?
  • Wie erleben Teilnehmende die Gegensätzlichkeit?
  • Was nehmen sie aus der Teilnahme mit?

Was waren individuelle Beweggründe bei „Deutschland spricht“ teilzunehmen?

Laut einem Tagesschau-Bericht gab ein Teilnehmer an, dass er ganz bewusst der menschlichen Tendenz entgegenwirken wollte, sich nur von Gleichdenkenden zu umgeben. Ein wiederkehrendes Motiv ist auch der Ausbrauch aus der sogenannten Filterblase , eine Isolation von widersprechenden Meinungen, die sich aus Filteralgorithmen auf sozialen Netzwerkseiten ergibt (Pariser, 2011). Ein weiterer Teilnehmer beklagt, dass es im Alltag schwierig sei mit Andersdenkenden ins Gespräch zu kommen. Aus Sorge, dass man in Zukunft gar nicht mehr mit Menschen, die andere Ansichten haben, diskutiert, nimmt er an dem Projekt teil. Laut Artikel des Spiegels berichtete ein Teilnehmer, dass es ihm vor allem darum ginge, seine eigene Meinung loszuwerden. Sein Gegenüber hat einen anderen Beweggrund hierfür: er möchte erfahren „wie diese laute Minderheit denkt“.

 

Wie erleben Teilnehmende die Gegensätzlichkeit?

In der Vorbefragung beantworteten die Gesprächspartner*innen teilweise nur eine Frage gleich. Wie sie nach der Diskussion berichteten, zeigte sich, dass die Positionen tatsächlich gar nicht so gegensätzlich waren, wie sie aufgrund der Vorbefragung dachten. Zum Bedauern mancher Teilnehmer*innen verlief das Gespräch daher wenig kontrovers und die gewünschte Konfrontation blieb aus. Aber was der eine als oberflächliche Diskussion empfand, sah die andere als gutes Gespräch, das sie zum Reflektieren ihrer eigenen Meinung bringt.

Eine mögliche Begründung für die Fehlinterpretation der Gegensätzlichkeit könnte sein, dass man politische Ansichten nicht mit einer eindimensionalen Antwort im Sinne von “dafür” oder “dagegen” erfassen kann. Meinungen und damit verbundene Argumente sind meistens komplexer und häufig an Bedingungen gekoppelt, z.B. „Ich bin dafür, dass Familien von Geflüchteten nach Deutschland geholt werden, allerdings nur dann, wenn ein Konzept vorliegt, wie wir die Integration voranschreiten können“. In der Tat wissen wir aus der Forschung, dass Menschen bei Meinungsäußerungen komplexer vorgehen und dabei Unsicherheiten oder Ambivalenz (einerseits, […] andererseits) äußern (Hayes, 2007) – dabei können Gesprächspartner*innen Zugänge zueinander finden.

Wie Spiegel Online berichtet , gab es auch Diskussionen, bei denen die vorher erfasste Gegensätzlichkeit auch im Gespräch hervortrat. Trotz der Differenzen bleibt das Gespräch jedoch harmonisch. Auch Darstellungen der Tagesschau  berichten von einem friedlichen Umgangston.

 

Was nehmen sie aus der Teilnahme mit?

Aus den Berichten geht hervor, dass einige Teilnehmer*innen anfingen sich selbst zu hinterfragen. Durch die Argumente seines Gesprächspartners fing ein Teilnehmer beispielsweise an, seine eigenen Aussagen zu reflektieren und stellte fest, dass er sich mit einigen Themen mehr befassen müsste. Es gibt aber auch Teilnehmende, die lediglich die Aussagen der/des Anderen hinterfragen und sich ihrer Meinung sicher sind. Durch die Reflektion über gegensätzliche Argumente nahmen einige Teilnehmer*innen Verständnis für die andere Sichtweise aus der Aktion mit. Doch egal wer wen hinterfragt, letztendlich sind sich viele sicher, dass die Diskussion dabei half aus ihrer Filterblase heraus zu kommen.

Eine weitere Erkenntnis liegt darin, dass sich die Sichtweisen der Diskutanten nicht immer in das klassische Links-Rechts-Muster einordnen lassen. Trotz unterschiedlicher Parteiverbundenheit haben manche Gesprächspartner *innen die gleichen Ziele, auch wenn sie diese auf verschiedene Wege erreichen möchten. Am Ende des Tages verabredeten sich sogar manche Gesprächspaare für ein zweites Treffen.

 

Literaturverzeichnis:

Borah, P., Egerly, S., Vraga, E. K. & Shah, D. V. (2013). Hearing and Talking to the Other Side: Antecedents of Cross-Cutting Exposure in Adolescents. Journal of Mass Communication and Society, 16(3), 391-416.

Hayes, A. F. (2007). Exploring the Forms of Self-Censorship: On the Spiral of Silence and the Use of Opinion Expression Avoidance Strategies: Opinion Expression Avoidance. Journal of Communication, 57(4), 785–802.

Lindner, N. M. & Nosek, B. A. (2009). Alienable Speech: Ideological Variations in the Application of Free-Speech Principles. Political Psychology, 30(1), 67-92.

Pariser, E. (2011). The filter bubble: What the Internet is hiding from you. Penguin UK.

Scheufele, D. A., Nisbet, M. C., Brossard, D., & Nisbet, E. C. (2004). Social structure and citizenship: Examining the impacts of social setting, network heterogeneity, and informational variables on political participation. Political Communication, 21(3), 315–338.

Wie wird politische Andersartigkeit erlebt? Berichte aus dem Projekt „Deutschland spricht“