Seit sich Menschen im Internet über politische Ereignisse informieren und austauschen, spätestens aber mit dem Aufkommen von Personalisierungsalgorithmen in Suchmaschinen und der Verbreitung von Social Media-Plattformen stellt sich die Frage, inwiefern Online-Kommunikation innerhalb isolierter Blasen stattfindet. In isolierten Blasen verlaufen Informations- und Kommunikationsprozesse entlang persönlicher Präferenzen und Weltanschauungen. Es besteht die Möglichkeit, dass eigene Standpunkte innerhalb der Interaktion zwischen gleichgesinnten Individuen und personalisierter Technologie bis in die politische Extremisierung verstärkt werden (Sunstein, 2017; Taylor et al., 2018). Forschung, die sich dieser Frage anhand unterschiedlicher Technologien und Plattformen angenommen hat, zeichnet ein gemischtes Bild und deutet darauf hin, dass sich zumindest bestimmte Nutzergruppen online in sog. Echokammern bewegen, wobei dies gleichzeitig für einen Großteil der Nutzer nicht der Fall zu sein scheint (Mythos 2, #NoFilter). Ebenso wissen wir, dass Menschen auch offline und bereits vor dem Zeitalter des Internets und der sozialen Medien häufiger mit solchen Menschen in Kontakt gestanden haben, die ihnen hinsichtlich bestimmter Merkmale (z.B. sozialer Status, Herkunft, politische Präferenzen) ähnlich sind (Mythos 1). Woran aber liegt es, dass unser soziales Umfeld oftmals von Gleichdenkenden dominiert wird? Neben Ursachen, welche die grundsätzliche Verfügbarkeit von Interaktionspartnern betreffen, thematisiert Forschung zum Homophilie-Prinzip zwei potenzielle Prozesse: Zum einen, die aktive Auswahl von Gleichgesinnten durch Individuen, zum anderen die Entstehung von Gleichförmigkeit durch gegenseitige Einflussprozesse (McPherson, Smith-Lovin, & Cook, 2001).

Grundsätzlich gehen wir bevorzugt Beziehungen (sowohl romantische als auch nicht-romantische) mit Menschen ein, die ähnlich denken wie wir (Byrne & Wong, 1962; Huber & Malhotra, 2017). Im Kontext des Online-Datings fanden Huber & Malhotra (2017), dass Nutzer eher bereit waren, mit einem potenziellen romantischen Partner zu schreiben, wenn dieser ähnliche politische Ansichten vertrat. Auch in sozialen Medien scheint politische Übereinstimmung bei der Auswahl von Kontakten eine Rolle zu spielen (Cargnino, Neubaum, & Winter, 2019; Rainie & Smitih, 2012). In einem eigenen Experiment fanden wir, dass Menschen häufiger Freundschaftsanfragen an solche Nutzer verschicken, die ihre Meinung zu einem kontroversen gesellschaftlichen Thema teilen (Cargnino et al., 2019). Diese Selektivität war stärker für jene ausgeprägt, die eine sehr starke Meinung vertraten und war auch je nach Thema der Kontroverse unterschiedlich stark ausgeprägt. Neben der aktiven Auswahl von Gleichdenkenden kann auch die selektive Auflösung von Netzwerk-Kontakten zu andersdenkenden als eine Art Selektionsverhalten betrachtet werden, das die politische Zusammensetzung des Netzwerks beeinflussen könnte (Bode, 2016; Skoric, Zhu, & Lin, 2018). Bode (2016) zeigte anhand einer repräsentativen US-Stichprobe, dass ein Teil der Nutzer sozialer Medien Kontakte aus dem eigenen Netzwerk entfernt, weil diese eine andere politische Meinung hatten oder zu viel über Politik posteten. Politisch sehr aktive und ideologisch extremere Menschen, sowie Anhänger der US-Demokraten schienen dabei häufiger Kontakte zu entfernen als andere. Zu ähnlichen Ergebnissen kamen Skoric und Kollegen (2018) mit einer chinesischen Stichprobe. Sie fanden außerdem, dass Menschen mit stärkerem politischen Interesse und großen Netzwerken häufiger Kontakte aufgrund politischer Meinungsunterschiede entfernten. Gleichzeitig schien ein höher ausgeprägter kultureller Kollektivismus einen (wenn auch geringen) Effekt in die entgegengesetzte Richtung zu haben – diese Menschen entfernten seltener Kontakte bei politischen Meinungsdifferenzen. Insgesamt liegen also einige Hinweise vor, die auf die aktive Rolle des Nutzers/der Nutzerin bei der politisch selektiven Zusammenstellung des eigenen Online-Netzwerks hindeuten. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass politische Selektivität in der Kontaktauswahl in bestimmten gesellschaftlichen Kontexten („aufgeheizter Diskurs“) und bei bestimmten Nutzergruppen, die sich in der Struktur ihrer Netzwerke oder individueller Persönlichkeitseigenschaften von anderen Nutzern unterscheiden, stärker ausgeprägt ist.

Die Zusammensetzung von Kommunikationsumgebungen kann jedoch nicht nur durch die Auswahl von Interaktionspartnern, sondern auch durch wechselseitige Beeinflussung zwischen Interaktionspartnern bestimmt werden. Bereits klassische sozialpsychologische Arbeiten unterschieden verschiedene Formen des sozialen Einflusses zwischen Individuen (Deutsch & Gerard, 1955). Demnach orientieren sich Einzelne bei ihren Meinungsäußerungen an gegebenen Gruppennormen (z.B. einer Mehrheitsmeinung), beispielsweise weil sie letztere als akkurater wahrnehmen als ihre eigene Meinung oder weil sie Angst haben, durch die Äußerung ihrer Minderheitsmeinung mit negativen Reaktionen der Gruppe konfrontiert zu werden. Politische Homogenität könnte in sozialen Netzwerken also auch über die Zeit hinweg entstehen, weil Individuen eine wahrgenommene (gesellschaftliche, gruppenbasierte) Norm übernehmen oder sich dieser unterordnen, also gewissenmaßen konform gehen.

Letzterer Aspekt ist Grundlage der Theorie der Schweigespirale (Matthes, Knoll, & von Sikorski, 2018; Neubaum & Krämer, 2018; Noelle-Neumann, 1974), die davon ausgeht, dass sich Menschen aus Angst vor negativen sozialen Konsequenzen politisch nicht äußern, wenn sie den Eindruck haben, eine Minderheitsmeinung zu vertreten. Neubaum & Krämer (2018) fanden beispielsweise, dass Menschen auf Facebook weniger dazu bereit sind eine Minderheitsmeinung zu äußern als in Offline-Kontexten, da sie dort eher befürchten, Ziel von persönlichen Angriffen zu werden. Die Ergebnisse deuteten außerdem darauf hin, dass die Befürchtungen der Nutzer mitunter darin begründet sind, dass sie eine geringe Kontrolle über die Reaktionen anderer wahrnehmen. Eine aktuelle Metaanalyse von Matthes und Kollegen (2018), welche die Ergebnisse von über 60 Einzelstudien zusammenfasste, fand, dass Menschen ihre Meinung einerseits eher dann verschweigen, wenn es um persönlich relevante Themen geht, die mit Fremden besprochen werden und andererseits in der Kommunikation mit engen Freunden und Verwandten. Allerdings zeigte sich hier, dass Menschen online und offline gleichermaßen dazu geneigt sind, eine Minderheitsmeinung zu verschweigen. Wenn Menschen sich durch ihre Online-Netzwerke bewegen und aus Angst vor sozialen Sanktionen ihre Meinung verschweigen, oder gar einer (wahrgenommenen) Mehrheit anpassen, könnte dies also einen Prozess auslösen, in dem öffentlich sichtbare Meinungsverteilungen immer einseitiger und homogener werden. Wie durch die aktive Selektion von Gleichgesinnten könnten dadurch demokratische Prinzipien der Meinungsdiversität und des kontroversen gesellschaftlichen Austauschs langfristig untergraben werden.

Welche Rolle Prozesse der Selektion und der zwischenmenschlichen Beeinflussung bei der Entstehung von politischer Homophilie in (und auch außerhalb von) sozialen Medien spielen, ob einer der Mechanismen dominiert oder beide gleichermaßen und in Interaktion wirken, gilt es durch zukünftige Forschungsbemühungen aufzuklären. Aus der Sicht des derzeitigen Kenntnisstands sind sowohl die selektive Auswahl von Kontakten, als auch die wechselseitige Beeinflussung zwischen Nutzern Faktoren, welche die Zusammensetzung von sozialen Netzwerken prägen können (Bello & Rolfe, 2014). In ihrem Bericht kommen Taylor und Kollegen (2018) zusammen mit einer Vielzahl von einschlägigen Fachexperten zu dem Schluss, dass ein Verständnis darüber, wie sich Meinungen im digitalen Zeitalter bilden und durch welche psychologischen, technologischen und strukturellen Faktoren sie beeinflusst werden, ein essenzielles Ziel zukünftiger Forschungsbemühungen sein sollte. Dieser Einschätzung können wir uns vollends anschließen.

Literaturverzeichnis

Bello, J., & Rolfe, M. (2014). Is influence mightier than selection? Forging agreement in political discussion networks during a campaign. Social Networks, 36, 134–146. https://doi.org/10.1016/j.socnet.2013.06.001

Bode, L. (2016). Pruning the news feed: Unfriending and unfollowing political content on social media. Research & Politics, 3(3), 205316801666187. https://doi.org/10.1177/2053168016661873

Byrne, D., & Wong, T. J. (1962). Racial prejudice, interpersonal attraction, and assumed dissimilarity of attitudes. The Journal of Abnormal and Social Psychology, 65(4), 246–253. https://doi.org/10.1037/h0047299

Cargnino, M., Neubaum, G., & Winter, S. (2019). Opinion Congruence as a Motive of Friending in Social Networking Sites. Presented at the Annual conference of the Audience and Reception Studies Division of the German Communication Association (DGPuK), Mainz, 31 January – 2 February 2019, Mainz, Germany.

Deutsch, M., & Gerard, H. B. (1955). A study of normative and informational social influences upon individual judgment. The Journal of Abnormal and Social Psychology, 51(3), 629–636. https://doi.org/10.1037/h0046408

Huber, G. A., & Malhotra, N. (2017). Political Homophily in Social Relationships: Evidence from Online Dating Behavior. The Journal of Politics, 79(1), 269–283. https://doi.org/10.1086/687533

Matthes, J., Knoll, J., & von Sikorski, C. (2018). The “Spiral of Silence” Revisited: A Meta-Analysis on the Relationship Between Perceptions of Opinion Support and Political Opinion Expression. Communication Research, 45(1), 3–33. https://doi.org/10.1177/0093650217745429

McPherson, M., Smith-Lovin, L., & Cook, J. M. (2001). Birds of a Feather: Homophily in Social Networks. Annual Review of Sociology, 27(1), 415–444. https://doi.org/10.1146/annurev.soc.27.1.415

Neubaum, G., & Krämer, N. C. (2018). What Do We Fear? Expected Sanctions for Expressing Minority Opinions in Offline and Online Communication. Communication Research, 45(2), 139–164. https://doi.org/10.1177/0093650215623837

Noelle-Neumann, E. (1974). The Spiral of Silence a Theory of Public Opinion. Journal of Communication, 24(2), 43–51. https://doi.org/10.1111/j.1460-2466.1974.tb00367.x

Rainie, L., & Smitih, A. (2012). Politics on Social Networking Sites. Washington, DC: Pew Research Center.

Skoric, M. M., Zhu, Q., & Lin, J.-H. T. (2018). What Predicts Selective Avoidance on Social Media? A Study of Political Unfriending in Hong Kong and Taiwan. American Behavioral Scientist, 62(8), 1097–1115. https://doi.org/10.1177/0002764218764251

Sunstein, C. R. (2017). #Republic: divided democracy in the age of social media. Princeton ; Oxford: Princeton University Press.

Taylor, S., Pickering, B., Grace, P., Boniface, M., Bakir, V., boyd,  danah, … Zubiaga, A. (2018). Opinion Forming in the Digital Age. https://doi.org/10.5281/zenodo.1468575

Der Stoff, aus dem Echokammern gemacht sind
– Individuelle Selektion & Sozialer Einfluss –
Markiert in: