Soziale Netzwerkseiten gehören in der heutigen Zeit zu einem festen Bestandteil des Alltags. Diese ermöglichen uns sowohl eine globale Vernetzung als auch die Mitgestaltung gesellschaftsrelevanter Themen und informieren uns in wenigen Sekunden über aktuelle Geschehnisse.
Im Internet treffen Nutzer*innen auf Menschen, die andere Werte vertreten oder eine andere Weltanschauung haben als sie selbst. Ein solches Aufeinandertreffen von verschiedenen Ansichten ist essenziell für die neue Medienlandschaft, denn diese bildet einen wichtigen Bestandteil unserer Demokratie. Durch die Konfrontationen zwischen Menschen unterschiedlicher Meinung auf sozialen Netzwerkseiten ist auch sog. Hate Speech (dt. Hassrede) ein Problem geworden (Kettrey & Laster, 2014). Eine repräsentative Meinungsbefragung der Landesanstalt für Medien in NRW aus dem Jahr 2018 hat ergeben, dass bereits 78% der Befragten Hate Speech im Internet wahrgenommen haben (Landesanstalt für Medien NRW, 2019).

Für den Begriff Hate Speech gibt es keine allgemein anerkannte Definition. Allerdings besagt der bestehende Konsens, dass Hate Speech auf benachteiligte soziale Gruppen in einer Weise abzielt, die für diese potenziell schädlich ist (Jacobs & Potter, 2000; Walker, 1994). Es handelt sich also um eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, die ihren Ausdruck in gewalthaltiger Sprache findet. Diese gruppenbezogene Anfeindung umfasst Stereotype, Vorurteile und Diskriminierungen gegenüber Menschen aufgrund ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen Zugehörigkeit zu einer innerhalb der Gesellschaft benachteiligten Gruppe. Die Abwertungen basieren auf der Annahme, dass bestimmte Menschengruppen weniger wert sind als andere, wodurch ihnen gleiche Rechte abgesprochen werden. Hassrede wertet einige Personengruppen stärker ab als andere: Dabei werden nämlich bestimmte Macht- und Diskriminierungsverhältnisse aufgegriffen, die bereits in der „analogen“ Gesellschaft verbreitet sind.

Die vielen Gesichter der Hassrede

Besonders häufig werden diskriminierende Strukturen, wie der die Diskriminierung von Sinti und Roma, der Klassismus (Vorurteile aufgrund der sozialen Herkunft) und Ableismus (Behindertenfeindlichkeit) aufgegriffen. Oftmals erfolgen besagte verbale Angriffe auf Personen oder Gruppen aufgrund bestimmter Attribute, wie zum Beispiel der Herkunft, der Religionszugehörigkeit, dem sozialen Status, der Hautfarbe, dem Geschlecht, der sexuellen Orientierung oder Kombinationen davon (Delgado & Stefancic 2004). Es gibt kaum eine menschliche Eigenschaft, die nicht zum Gegenstand des Hasses gemacht wird, weshalb die Aufzählung der betroffenen Personengruppen nicht vollständig ist (Maibauer, 2013). Hierbei ist außerdem anzumerken, dass nicht die Kategorisierung per se Teil der Hassrede ist, sondern die Diskriminierung und Äußerung von Hass aufgrund der bloßen Kategorisierung (Maibauer, 2013 zitiert nach Graumann & Wintermantel, 2007).
Bei den sogenannten „Hater*innen“, also den Täter*innen, handelt es sich nicht selten um Menschen, die das Ziel haben die Kommunikation zu stören und ihre degradierenden und beleidigenden Inhalte zu verbreiten (Bundeszentrale für politische Bildung, 2017). Häufig wollen diese ihre Ideologie an andere User*innen bringen.
Hate Speech kann verschiedene Formen annehmen. Zudem werden häufig Strategien der Tarnung verwendet, um Hate Speech nicht für jeden Nutzer*in einfach erkennbar zu machen.

Maibauer (2012) fasst die verschiedenen Formen von Hate Speech in fünf Dimensionen zusammen, wobei die erste Dimension zwischen direkter und indirekter Hate Speech unterscheidet. So kann der Täter seinen Hass direkt (Bsp.: „Ihr Ausländer habt in diesem Land nichts zu suchen“) oder auch indirekt (Bsp.: „Im Ausland wärt ihr besser aufgehoben“) ausdrücken.
In der zweiten Dimension wird zwischen offener und verdeckter Hate Speech unterschieden. Offene Hate Speech findet sich in vielen Internetforen, die explizit zur Hassrede einladen und beide Formen sind unter anderem in sozialen Netzwerkseiten anzutreffen. Laut Maibauer kann etwa eine im Fernsehen ausgestrahlte Diskussion über die „Integrationsunwilligkeit“ von Ausländer*innen bereits Hate Speech sein. Die dritte Dimension greift den Aspekt der Macht auf. Aufgrund des diskriminierenden Charakters von Hate Speech ist diese meist mit einem Machtgefälle zwischen Täter*in (als Teil der gesellschaftlichen Mehrheit) und Adressat*in (als Teil einer gesellschaftlichen Minderheit) verbunden. Die vierte und fünfte Dimension besagt, dass Hate Speech mit einer Gewaltandrohung verknüpft sein kann und sich in starker oder schwacher Form kategorisieren lässt.

Auch der Framing-Effekt spielt im Rahmen von Hassrede eine zentrale Rolle, insbesondere wenn diese verdeckt ist. Unter dem Framing-Effekt versteht man Botschaften, die bei gleichem Inhalt unterschiedlich formuliert sind und somit das Verhalten der Empfänger*innen unterschiedlich beeinflussen. Sprache ist nie neutral, denn die verwendete Wortwahl beeinflusst unser Denken und somit auch unser Handeln (Tversky & Kahneman, 1981). Dementsprechend kann die gleiche Information zu unterschiedlichem Verhalten führen. Abwertendes oder rassistisches Framing kann sich äußerst negativ auf Rezipient*innen auswirken. So kann der Begriff „Ausländer“ eine völlig andere Wirkung als das Wort „Migrant“ haben. Andererseits können die Wirkungen des Framings einer Botschaft sehr individuell ausfallen. Einige Menschen lassen sich stark beeinflussen, wohingegen andere kaum anfällig für Framing sind (Shu Li & Xiaofei Xie, 2016). Hirnscans zeigten, dass dies davon abhängt, wie stark der präfrontale Kortex arbeitet, der unter anderem an der Handlungsplanung beteiligt ist (Raab et al., 2009).

Folgen von Hassrede

Hate Speech kann weitreichende Folgen mit sich bringen. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass durch Hate Speech die Würde des Menschen missachtet wird. Opfer werden diffamiert und ausgegrenzt, was wiederum Gewalt provozieren kann.
Zudem kommt es vermehrt vor, dass Hate Speech keine Kritik entgegengebracht und ihr nicht widersprochen wird. Teilweise werden diskriminierende Äußerungen sogar ignoriert und geradezu hingenommen (Kaspar et al., 2017). Dies kann langfristig die Folge haben, dass die gesellschaftliche Empörung abnimmt und abwertende Aussagen legitimiert oder gar salonfähig werden. Im schlimmsten Fall kann ein Nährboden für reale Übergriffe entstehen.

Darüber hinaus sind Hassbotschaften eine Form von psychischer Gewalt. Sie stehen beispielsweise mit vermehrten Depressionen, Schlafstörungen und sogar Suizid in Verbindung (Bilewicz & Soral, 2020). Die Compact Studie 2019 fand heraus, dass besonders junge Menschen unter den Folgen von Hate Speech leiden. So berichtete jede*r Zweite von emotionalem Stress. 31% der Betroffenen bestätigten Depressionen und 42% berichteten von Problemen, die sie seither mit ihrem Selbstbild haben (Geschke, Klaßen, Quent & Richter, 2019).

Im Netz können Hassbotschaften zudem das Meinungsbild verzerren und für Polarisierung sorgen. So scheint die verstärkte Online-Präsenz von rechtsextremen Akteur*innen in der Vergangenheit antidemokratische Propaganda in die Mitte der Gesellschaft gerückt zu haben. Dies hatte zur Folge, das rechtsextreme Sprache und Bilder sich in kurzer Zeit im Mainstream manifestiert haben (Amadeu Antonio Stiftung, 2018).

Eine weitere mögliche Konsequenz von Hate Speech ist eine Verschiebung der Wahrnehmung. Falls im Netz Hater*innen überrepräsentiert sind, erweckt es den Anschein diese seien auch in der analogen Welt in der Mehrheit. Bei einer repräsentativen Befragung fand die Aussage „Durch den öffentlichen Hass im Netz hat sich verändert, was man auch außerhalb des Internets sagen kann und was nicht.“ bei 59% der Studienteilnehmer*innen Zustimmung (Geschke, Klaßen, Quent & Richter, 2019). Zudem erfahren extremistische Gruppen übergebührliche Aufmerksamkeit und können ihre Ansichten so in eine breitete Bevölkerung tragen.

Was tun gegen Hate Speech?

Aufgrund dieser möglichen Folgen, die Hate Speech mit sich bringen kann, ernteten soziale Netzwerkseiten wie Twitter und Facebook starke Kritik. Ihnen wird vorgeworfen, sie würden nicht genug für die Prävention von Hate Speech unternehmen. Es wird gefordert, Richtlinien einzuführen, welche die Nutzung ihrer Plattformen für Angriffe auf Menschen aufgrund von Merkmalen, wie ethnische Zugehörigkeit, Geschlecht oder sexuelle Orientierung verbieten. Als Antwort darauf, trat im Jahr 2017 das Netzwerkdurchsuchungsgesetz (NetzDG) in Kraft. Jedoch stehen soziale Netzwerkseiten nach wie vor dem Problem gegenüber, Hassrede zu identifizieren und zu zensieren (Moulson, 2016), und zeitgleich abzuwägen, ob die Meinungsfreiheit dadurch eingeschränkt wird. Ein Grund für diese Problematik besteht in der Tatsache, dass Definitionen zu Hassrede variieren und eine Identifizierung deshalb manuell und auf den Einzelfall bezogen erfolgen muss (Lomas, 2015).

Damit einhergehend wird immer häufiger diskutiert, inwieweit eine Regulierung von Hate Speech auf sozialen Netzwerkseiten mit der in der Deutschland herrschenden liberalen Demokratie vereinbar ist.
Auf der einen Seite scheint es bedenklich Hate Speech zu zensieren, da das deutsche Grundgesetz die offene und freie Meinungsäußerung garantiert. Die Meinungsfreiheit des Sprechers würde demnach eingeschränkt werden. Zudem wird auch argumentiert, dass hierbei nicht nur die Rechte des Senders einer Hassbotschaft eingeschränkt werden, sondern auch die der Empfänger. Denn so kontrovers die Meinung auch sein mag, Menschen haben ein Recht auf diese Informationen zuzugreifen und werden andernfalls sowohl der Informations- als auch der Wahlfreiheit beraubt (Maibauer, 2013).
Allerdings argumentiert die Gegenseite, man solle die Demokratie als Ganze vor ihren sogenannten „Feinden“ beschützen. Ihnen zufolge muss die Meinungsfreiheit unter bestimmten Voraussetzungen eingeschränkt werden. Opfer von Hassrede könnten nämlich so weit eingeschüchtert werden und sich fürchten, dass sie „verstummen“ (Maibauer, 2013). Sie werden somit ihrer demokratischen Mitwirkungsrechte beraubt, weshalb eine Regulierung von Hassrede gefordert wird. Dem gegenüber steht der Schutz vor Diskriminierung, der ebenfalls im Grundgesetz festgeschrieben ist. Bleich (2011) stellt hingegen fest, dass es möglich sei Gesetze zu erlassen und durchzusetzen, die bestimmte Formen von Hate Speech einschränken, ohne die Meinungs- und Redefreiheit allzu sehr zu beeinträchtigen. Letztlich wird die Regulierung von Hate Speech vermutlich immer ein auf den Einzelfall bezogenes Abwägen zwischen Grundrechten bleiben.

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Jede*r, die/der soziale Netzwerkseiten nutzt, trägt eine gewisse Verantwortung. Somit kann jede*r einzelne dafür sorgen, dass Hate Speech und insbesondere die Folgen daraus kein weitreichendes Ausmaß annehmen. Hierfür ist es wichtig, eine digitale Zivilgesellschaft zu schaffen. Das kann bedeuten, nicht wegzuschauen, wenn einem Hate Speech auf sozialen Netzwerkseiten begegnen. Dies kann auch bedeuten, sich aktiv gegen den Hass zu stellen.
Es ist notwendig, offline und online Zivilcourage zu zeigen und somit zu demonstrieren, dass Hass und Hetze in unserer Gesellschaft keinen Platz haben. Wie bereits die Studie von Garland et al (2020) aufwies, wirkt sog. Counter Speech (dt. Gegenrede) tatsächlich depolarisierend und regt weitere Counter Speech an. Das Resultat ist eine drastische Senkung des Aufkommens von Hate Speech.

Hate Speech, insbesondere gegen Minderheiten, ist in digitalen Gesellschaften zunehmend zu einem Problem geworden. Dies hat sowohl gravierende Auswirkungen auf die entsprechenden Opfer als auch auf die Gesellschaft, da durch sie die Verrohung des Diskurses und die Partizipationsbereitschaft im digitalen Raum verringert wird. Hate Speech ist oftmals implizit, und somit nicht direkt greifbar. Allerdings kann sie von Seiten der Plattform-Betreiber*innen und durch staatliche Interventionen bekämpft werden. Letztlich kann jede*r Einzelne durch couragiertes Eingreifen zu einer Verbesserung des gesellschaftlichen Miteinanders beitragen.

Literaturverzeichnis:

Amadeu Antonio Stiftung.(2018). Was ist Hate Speech?. https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/digitale-zivilgesellschaft/was-ist-hate-speech/

Bilewicz, M., & Soral, W. (2020). Hate Speech Epidemic. The Dynamic Effects of Derogatory Language on Intergroup Relations and Political Radicalization. Political Psychology, 41(S1), 3–33. https://doi.org/10.1111/pops.12670

Bleich, E. (2011). The Rise of Hate Speech and Hate Crime Laws in Liberal Democracies. Journal of Ethnic and Migration Studies, 917–934. https://doi.org/10.1080/1369183X.2011.576195

Bundeszentrale für politische Bildung. (2017, Juli 12). Was ist Hate Speech? | bpb. bpb.de. https://www.bpb.de/252396/was-ist-hate-speech

Garland, J., Ghazi-Zahendi, K., Young, J.-G., Hebert-Dufresne, L. & Galesic, M. (2020). Impact and Dynamics of Hate and Counter Speech Online. Arxiv, 1–15.
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Geschke, D., Klaßen, A., Quent, M. & Richter, C. (2019, Juni). #Hass im Netz: der schleichende Angriff auf unsere Demokratie. Eine Bundesweite Repräsentative Untersuchung. compact. https://blog.campact.de/content/uploads/2019/07/Hass_im_Netz-Der-schleichende-Angriff.pdf

Jacobs, J. B. & Potter, K. (2000). Hate Crimes: Criminal Law & Identity Politics (Studies in Crime and Public Policy) by James B. Jacobs (2000-12-28). Oxford University Press. https://books.google.de/books?hl=de&lr=&id=K3Y8DwAAQBAJ&oi=fnd&pg=PR9&dq=Jacobs,+J.+B.,+and+Potter,+K.+2000.+Hate+crimes:
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Kaspar, K., Gräßer, L. & Riffi, A. (2017). Online Hate Speech – Perspektiven auf eine neue Form des Hasses. kopaed verlagsgmbh.

Kettrey, H. H. & Laster, W. N. (2014). Staking Territory in the “World White Web”: An Exploration of the Roles of Overt and Color-Blind Racism in Maintaining Racial Boundaries on a Popular Web Site. Social Currents, 1(3), 257–274. https://doi.org/10.1177/2329496514540134

Landesanstalt für Medien NRW. (2018). Ergebnisbericht: Hassrede. Forsa, 1–11. https://www.medienanstalt-nrw.de/fileadmin/user_upload/lfm-nrw/Foerderung/Forschung/Dateien_Forschung/forsaHate_Speech_2018_Ergebnisbericht_LFM_NRW.PDF

Lomas, N. (2015, Dezember 16). Facebook, Google, Twitter commit to Hate Speech Action in Germany. TechCrunch. https://techcrunch.com/2015/12/16/germany-fights-hate-speech-on-social-media/

Maibauer, J. (2012). Hassrede/Hate Speech : Interdisziplinäre Beiträge zu einer aktuellen Diskussion. CORE Reader. https://core.ac.uk/reader/56351230

Shu Li & Xiaofei Xie PhD (2006) A new look at the “Asian disease” problem: A choice between the best possible outcomes or between the worst possible outcomes?, Thinking & Reasoning, 12:2, 129-143, DOI: 10.1080/13546780500145652

Raab, G., Gernsheimer, O., Schindler, M. (2009). Neuromarketing: Grundlagen – Erkenntnisse – Anwendung. 2. Auflage, Gabler, Wiesbaden

Tversky, A., & Kahneman, D. (1981). The framing of decisions and the psychology of choice. Science, 211, 453 – 458

Walker, S. (1994). Hate Speech: The History of an American Controversy. University of Nebraska Press. https://books.google.de/books?hl=de&lr=&id=-WSsPBSK6wYC&oi=fnd&pg=PA1&dq=Walker,+S.+1994.+Hate+Speech:+The+History+of+an+American+Controversy.+
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Hate Speech – Wenn Worte im Netz zu Waffen werden
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